Allgemein, Garten

Saatgutvielfalt findet statt!

Auch bei uns in der Grünen Oase im Mädchen_kulturhaus.

Saatgut ist etwas, mit dem sich vor allem Gärtnerinnen und Gärtner, Landwirte und Landwirt*innen viel beschäftigen: Wo kommt es her? Welche Eigenschaften hat eine bestimmte Sorte? Wie lange ist mein Saatgut keimfähig? Ist meine Sorte samenfest? Ist meine Sorte an den Standort angepasst? Ist sie womöglich mit einem Patent belegt? Wie viel kostet mein Saatgut oder kann ich es umsonst bekommen?

Diese und viele weitere Fragen stellen sich, wenn es daran geht, im Garten oder auf dem Feld etwas auszusäen, um später etwas ernten zu können.

Dabei ist es eigentlich so einfach. Pflanzen produzieren Saatgut im Überfluss und das auch noch gratis. Sie machen das schon seit Jahrmillionen und Menschen haben erst vor wenigen Tausend Jahren begonnen, Saatgut gezielt zu nutzen und aus Wildformen Sorten mit bestimmten, gewünschten Eigenschaften zu züchten. In der Jungsteinzeit wurden die Menschen sesshaft und kultivierten Boden, Tiere und Pflanzen. Sie züchteten Sorten, die an verschiedenste Gegebenheiten angepasst waren und über tausende Jahre entstand so auf der ganzen Welt eine Hülle von Sorten.

Noch vor dem zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland 212 Salat- und 577 kommerziell gehandelte Kartoffelsorten. 1938 waren es schon nur noch 30 bzw. 64 Sorten (2). Wer mehr darüber erfahren möchte, dem*der sei wärmstes das Buch „Wer die Saat hat, hat das Sagen“ von Anja Banzaf ans Herz gelegt.

Was ist also passiert?

In Kürze gesagt, wurde im letzten Jahrhundert auf der ganzen Welt Saatgut kommerzialisert. Was einst im Überfluss und gratis in jedem Hausgarten und von jeder Bäuerin selbst genommen und im nächsten Jahr wieder ausgesät wurde, wurde durch zunehmend riesige Konzerne zu einer Ware gemacht, die viel Geld einbringt und häufig genug mit Patenten belegt ist, die es verbieten, Sorten unkommerziell nachzubauen.

Gelungen ist das durch die Züchtung sogenannter Hybride. Viel besser als wir das können, hat das der Verein Kulturpflanzen Nutztiere Vielfalt erklärt:

Die heute den Markt dominierenden Hybride (lat. für „Mischling“) werden mit viel Aufwand und oft mit gentechniknahen Methoden hergestellt.

Zunächst werden mittels Inzucht die jeweils gewünschten Eigenschaften (z. B. Form, Farbe, Größe oder Widerstandsfähigkeit) über mehrere Generationen verstärkt. Dann werden zwei Inzuchtlinien gekreuzt und es entsteht in der nächsten Generation – in der Fachsprache „F1“ (Abkürzung für „erste Filialgeneration“ nach lat. filia = Tochter) Hybridsaatgut. Aus diesem F1-Saatgut wachsen Pflanzen, bei denen die erwünschten Eigenschaften besonders stark ausgeprägt sind und die besonders wüchsig, gleichförmig und ertragreich sind.

Allerdings verpufft dieser „Hybrideffekt“ schon in der folgenden Generation. Saatgut aus der eigenen Ernte ist nicht mehr nutzbar. Wenn Samen von Hybridpflanzen geerntet und ausge-sät werden, gehen die sortenspezifischen Eigenschaften verloren.

https://kulturpflanzen-nutztiervielfalt.org/sites/kulturpflanzen-nutztiervielfalt.org/files/NEU%20H1_Wer_die_Saat_hat_hat_das_Sagen.pdf

Problematisch daran ist einiges. Landwirte und Kleinbäuerinnen, besonders im globalen Süden, sind abhängig von den großen Konzernen, die das Hybrid-Saatgut produzieren. Jahr für Jahr müssen sie es von den Konzernen teuer kaufen – teilweise direkt in Kombination mit den dazu entwickelten Pestiziden. Denn viele Konzerne vertreiben nicht nur Saatgut, sondern auch Pestizide.

Ebenso problematisch ist das Schwinden der Vielfalt. Das Artensterben ist heute eines der größten Probleme, vor das wir uns als Menschheit selbst gestellt haben – sogar noch vor dem Klimawandel. Vielfalt bedeutet Resilienz, bedeutet Anpassungsfähigkeit und Widerstandkraft, aber auch demokratische Freiheit und natürlich Geschmack.

Viele alte Sorten sind an ganz spezielle Standorteigenschaften angepasst. Heute wird oftmals vor allem darauf geschaut, dass Obst und Gemüse gut aussehen und gelagert werden können, besonders groß oder ertragreich sind. Die Vielfalt und die Anpassungsfähigkeit leiden darunter. Gerade in Hinblick auf den Klimawandel und Umweltprobleme ist Vielfal jedoch wichtig. Denn nur, wenn aus einem großen Genpool geschöpft werden kann, ist es möglich auch in Zukunft noch Sorten zu züchten, die den neuen Herausforderungen im wahrsten Sinne des Wortes gewachsen sind.

In der Grünen Oase haben wir bereits im Winter des letzten Jahres begonnen, ganz verschiedene Sorten für den Garten auszusuchen und vorzustellen. Aktuell sind wir mit etwa 20 Gartenenthusiast*innen dabei, aus Saatgut von Bingenheimer Pflänzchen für unseren Garten und die Gärten und Balkone der Teilnehmer*innen vorzuziehen und zu tauschen.

Wir haben dafür ganz bewusst sogenannte samenfeste Sorten ausgewählt. Anders als bei Hybriden kann von den samenfesten Sorten Saatgut genommen, vermehrt und immer wieder ausgesät werden, ohne dass sich die Eigenschaften der Pflanzen verändern. Dabei haben wir auch Sorten ausgewählt, die es nicht überall im Supermarkt gibt und natürlich gibt es ganz verschiedene Leckereien – von Tomaten, Kartoffeln und Auberginen, über Kürbis, Zucchini und Gurke, hin zu Mangold, Salaten und Kräutern. Auch Blumen, Stauden und Sträucher haben bei uns Platz und leisten ihren Beitrag zu einem bunten und vielfältigen Garten.

Vielfalt statt Monokultur und mehrere Sorten bedeuten auch, dass es immer etwas zu ernten gibt. Es ist zu jedem Zeitpunkt etwas anderes reif und gibt es einmal Schädlingsbefall, so gibt es keinen Totalausfall, denn auch Schädlinge bevorzugen bestimmte Pflanzen und lassen andere links liegen.

Was können wir sonst noch tun?

  • Saatguttauschbörsen oder -stationen organisieren, um samenfestes Saatgut zu tauschen oder zu verschenken. In Zeiten von Corona geht das auch über Tauschkisten oder online.
  • Vernetzen. Saatgutvielfalt braucht eine Lobby.
  • Selber Saatgut von alten, samenfesten Sorten bewahren und vermehren, also die Sorten anpflanzen und das Saatgut verbreiten.
  • Kein Hybridsaatgut kaufen.
  • Kleinbäuerliche Strukturen wie Solidarische Landwirtschaften unterstützen oder gründen.
  • Einen Gemeinschaftsgarten gründen und biologische Vielfalt fördern.
  • Anderen davon erzählen.
  • Unter dem #saatgutvielfaltfindetstatt im Netz auf das Thema aufmerksam machen.

Unsere Quellen sowie weiterführende Links:

  1. http://saatgutvielfalt-findet-statt.de/
  2. https://www.oekom.de/buch/saatgut-9783865817815
  3. http://kulturpflanzen-nutztiervielfalt.org/materialien
  4. https://www.bingenheimersaatgut.de/de
  5. https://www.dreschflegel-saatgut.de/

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